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„Ja, ich sehe es ein, zweierlei ist möglich, man kann entweder dieses thun oder jenes;
meine aufrichtige Meinung und mein freundschaftlicher Rat ist der:
thu es oder thu es nicht, beides wird dich verdrießen.“
Søren Kierkegaard

Schwitters – Roman

Ich gebe zu, mit diesem Buch habe ich mich manchmal  etwas schwer getan, obwohl die erzählte Geschichte wirklich spannend ist und mich an ein Thema herangeführt hat, mit dem ich mich in der Vergangenheit nur sehr wenig  (eigentlich gar nicht) beschäftigt habe:
Der Kunstrichtung des Dadaismus, mit der eine weitere Beschäftigung sich auch in Zukunft für mich  lohnen wird:
Was aber gleichzeitig für mich auch die grösste Hürde und der grösste Reiz beim Lesen dieses Buches war, denn die Autorin Ulrike Draesner hat auch immer wieder  Passagen des Buches mit collagenhaften, dadaistischen Elementen angereichert, welche die Lesbarkeit und die Verständlichkeit nicht unbedingt erleichtert haben, aber trotzdem notwendig sind, um auch Dada ansatzweise zu verstehen.
Passagen, die ich teilweise mehrfach lesen musste um sie für mich zu entschlüsseln.

Dennoch – oder gerade deswegen? – halte ich diesen biographischen Roman um den Dadaisten Kurt Schwitters für ausgesprochen lesenswert und fesselnd, auch wenn er sich nicht so flüssig lesen lässt wie andere Bücher:

Schwitters
von Ulrike Draesner

Die Geschichte dahinter lässt sich auf vielfältige Weise lesen.:

Zum einen ist es natürlich eine biographische Familiengeschichte, in die viele reale Ereignisse romanhaft aufbereitet und voller Sympathie und mit viel Humor erzählt einfliessen:
Schwitters Kindheit und Jugend ohne grosse finanzielle Sorgen in Hannover, in der er sich weitgehend seiner Kunst widmen kann, seine Verfolgung durch die Nazis (Werke von ihm waren als „entartete Kunst “ gebrandmarkt und führten zu Arbeitsverboten), seine Emigration zunächst nach Norwegen und abschliessend 1940 nach England, eine neue Liebe, die ihm dort begegnet und zu einem neuen Aufblühen seiner Kreatitivität führte – allerdings geprägt und beschnitten durch Sprachprobleme, die seine Wortkunst fast zum verstummen bringen – und schlussendlich sein früher Tod und die Erbquerelen um seine Werke….

Zum anderen erzählt das Buch aber auch eine faszinierende Geschichte von Verlusten und Neuanfängen, von Kreativität auch unter grossen Hindernisssen und von einer Welt, wie sie im Kopf des Künstlers permanent wuchs und ihren Ausdruck nicht nur in Gedichten, sondern auch in wunderbaren Collagen und begehbaren riesigen Skulpturen fand, den MERZ-Bauten,die sicherlich einen wesentlichen Teil von Schwitters künstlerischer Gedankenwelt darstellen.

Der Klappentext – diesmal eine wirklich treffende Essenz des Inhaltes:

„Wie fängt man eine Zukunft an, die eigentlich schon aufgehört hat? Mit einem Streifen Meer zwischen sich und seiner Heimat, seiner Sprache, sich selbst? Kurt Schwitters ist 49, als ihn die Nationalsozialisten zur Flucht aus Hannover zwingen. Sein Erfolg, Werk, Besitz, die Eltern und seine Frau Helma bleiben zurück. Die Kunst weicht der Kunst des Überlebens. In Norwegen, London und endlich dem Lake District beginnt Schwitters‘ zweites Leben in fremder Sprache. Wantee, die neue Frau an seiner Seite, hält ihn auf Kurs und seinen Kopf über Wasser, selbst als der Wortkünstler verstummt. Im Merzbau hat Schwitters einen anderen Weg gefunden, um Himmel und Heiterkeit, das Funkeln der Wiesen und die Durchsichtigkeit der Luft einzufangen. Mit irrwitziger Disziplin, bis zur Erschöpfung. Wer ihn dabei beobachtet, begreift: Kunst bildet die Welt nicht nach. Sie übersetzt sie in Formen, die uns berühren.

In ihrem Roman folgt Ulrike Draesner dem Schriftsteller und bildenden Künstler Kurt Schwitters ins Exil. Es sprechen Kurt, seine Frau, sein Sohn, seine Geliebte. In einer virtuosen Mischung aus Fakten und Fiktion entsteht das Panorama einer Zeit, in der angesichts einer brennenden Welt neu um Freiheit und Kultur gerungen wird. Ein tiefgründiger, dabei humorvoller Roman über die Kraft der Kunst, darüber, wie sie entsteht und was sie vermag.“

Ihr merkt also:
Dieses Buch hat mich wirklich begeistert womit auch ganz klar ist, das es dafür von mir volle fünf Sterne gibt.

(Das Bild ganz oben im Beitrag zeigt übrigens Schwitters letztes, wohl unvollendet gebliebenes Werk – die sogenannte MERZ Barn Wall, die sich heute als letzter noch original erhaltener Teil eines MERZ-Baues im englischen Newcastle in einem Museum befindet)


Euch allen einen wunderbaren Tag.
Bleibt gesund und behütet!

Wir lesen uns


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- 7 Bemerkungen zu “Schwitters – Roman

  1. Danke, dass Du das Buch nochmals ausführlich ansprichst und vorgestellt hast. Mir fehlt zwar die Muse, mich damit wirklich auseinanderzusetzen, d.h. es selbst zu lesen (ich lese meist nur zur Entspannung und zum Abschalten), aber sowohl das Titelbild als auch das unvollendete Werk haben mich sehr angesprochen. Und der „Klappentext“ wäre eigentlich schon alleine für eine Erörterung ein Thema. Da sind einige interessante Aussagen getroffen.

    Hat sich denn nun geklärt, woher und mit welcher Bedeutung der Grabspruch zustande kam?

    Bin auf Deine nächsten Lektüren gespannt, auch wenn ich vermutlich keines Deiner ausgewählten Bücher jemals lesen werde.

    1. Hallo Jette.

      Nein.
      Für den Grabspruch habe ich keine Erklärung gefunden.

      Ausser vielleicht, dass er doch sehr typisch für Schwitters Art zu leben und seine künstlerische Weltsicht ist….

      Wozu noch anzumerken ist, dass es tatsächlich zwei existierende Grabstellen gibt:
      Eine (inzwischen leer, aber noch erhalten) in Ambleside im britischen Lake Distrikt, wo er zuletzt gelebt hat – und eine in Hannover, in die er auf Wunsch seines Sohnes viele Jahre später umgebettet wurde.
      Den Spruch gibt es aber nur auf der Grabstein in Hannover – also kann man vermuten, dass der wohl auf Veranlassung des Sohnes dort angebracht wurde….

  2. Danke für Deine Antwort. Schade, dass man niemanden mehr fragen kann. Manche Rätsel bleiben halt ungelöst.

    1. In Hannover gibt es eine Stiftung, de dem Andeken von Kurt Schwitters und seinem Sohn Ernst gewidmet ist und sich wohl auch um den Nachlass und die Werke der beiden Kümmert.

      Vermutlich werden die auch wissen, wie es zu dem Grabspruch kommt.

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